Das Gewimmel in uns


Kennen Sie eigentlich alle Ihre Untermieter? Vermutlich nicht, denn es sind ziemlich viele und sie sind zumeist ruhig. Aber auch hilfsbereit. Jeder Mensch beherbergt allein in seinem Darm mindestens 160 verschiedene Bakterienarten. Ein großer Teil davon gehört zur Darmflora (besser Mikrobiom – Bakterien sind ja keine Pflanzen).

Der Begriff Mikrobiom wurde von Joshua Lederberg (1925-2008), dem Altmeister der Gentechnologie und Nobelpreisträger, in Anlehnung an das Genom geprägt. Nach dem Ende des Humangenomprojekts 2003 forderte er, dass auch die sogenannte Mikroflora des Menschen berücksichtigt werden müsse, da diese Teil des menschlichen Stoffwechselsystems sei und daher maßgeblichen Einfluss auf ihn habe.

Und so wurde dann im Dezember 2007 in den USA durch die National Institutes of Health (NIH) das Human Microbiome Project ins Leben gerufen. Ziel ist die Sequenzierung der Genome aller Mikroorganismen, die den Menschen besiedeln. Untersucht werden Stichproben aus Mund, Rachen, Nase, Verdauungstrakt und dem weiblichen Urogenitaltrakt sowie von der Haut. Die Ergebnisse kommen in eine Datenbank, auf die Wissenschaftler kostenfrei zugreifen können.

Eine Forschergruppe um Jun Wang von der Universität Kopenhagen stellte im britischen Fachblatt »Nature« Ergebnisse von 124 Versuchspersonen vor. Die Mediziner hatten aus den Stuhlproben von gesunden, übergewichtigen und fettleibigen Probanden sowie von Menschen mit einer chronischen Darmerkrankung das Bakterienerbgut isoliert. Insgesamt identifizierten die Wissenschaftler dabei rund 3,3 Millionen Gene. Das sind ca. 150-mal mehr als der Mensch selbst besitzt! Über 99 Prozent dieser Gene ließen sich Bakterien zuordnen, der Rest entfiel auf andere Mikroben und Viren. Die Forscher verglichen die Zahl dieser Gene bei gesunden und an einer Darmerkrankung leidenden Probanden. Bei den Kranken war sie rund 25 Prozent kleiner. Das deckt sich mit früheren Beobachtungen, wonach die Vielfalt der Darmbakterien bei chronisch Darmkranken geringer ist.

Diese Bakterien helfen dem Darm, die Nahrung zu zersetzen und so dem Körper die einzelnen Nährstoffe zur Verfügung zu stellen. Sie fördern Aufbau und Erhalt der Darmschleimhaut und sind darüber hinaus an der Abwehr von Viren, Pilzen oder krankmachenden Bakterien beteiligt. Einige bilden Vitamine. Wird das Gleichgewicht des Mikrobioms gestört, etwa durch falsche Ernährung oder Medikamente, kann dies die Gesundheit erheblich beeinträchtigen.

Schätzungen zufolge ist der menschliche Körper – außen und innen – Heimat für Bakterien, deren Anzahl das Zehnfache der Zahl der Körperzellen ausmacht. Allmählich erkennen wir, was ein Mensch eigentlich ist: Nicht nur »edel, hilfreich und gut« (Goethe), sondern ein Superorganismus, der nur existiert, weil die Kleinen dem Großen helfen. Bleibt die Frage: Wann helfen die Großen einmal den Kleinen?


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