Bakterien-Erbgut als Krebsquelle


Viren schleusen ihre Erbinformation in unsere Zellen, so wie ein gemeines Computervirus sein Programm in unseren ahnungslosen PC. Ihr Erbgut übernimmt das Kommando über die Zellmaschinerie und veranlasst diese, Tausende von Viruskopien zu produzieren. Das bedeutet meist den Untergang der infizierten Zellen. Doch auch Zellen, die überleben, tragen oft die Virus-DNA in sich und geben sie an ihre Nachkommen weiter – nun aber als »schlafende Hunde«, die man tunlichst nicht wecken sollte. So ist offenbar die sogenannte Junk-DNA entstanden; »Müll-DNA«, die für die Zelle zur Eiweißproduktion nutzlos ist. Tatsächlich nutzlos? Nun ja, wir wissen meist (noch) nicht, welchen Zweck sie hat. Eigentlich leistet sich die Natur nie ohne Sinn so einen Unfug wie die kapitalistische Überproduktion.

Können noch andere Lebewesen ihre Gene auf uns Menschen übertragen? Durch die modernen Genomprojekte ist es erstmals möglich, das Erbmaterial aller bisher DNA-analysierter Lebewesen zu vergleichen. Erstes spektakuläres Ergebnis: Von unseren DNA-Basenpaaren unterscheiden sich nur 1,5 Prozent (!) von denen eines Schimpansen. Eigentlich ein Grund, Affen »menschlicher« zu behandeln und sie zu schützen! Stecken auch Teile anderer Lebewesen in uns? Tatsächlich, wir tragen nicht nur Virus-Erbgut mit uns herum! In der Online-Fachzeitschrift »PLoS Computational Biology« (doi: 10.1371/ journal.pcbi.1003107) berichten Forscher der University of Maryland, dass sie in etwa einem Drittel der Genome von gesunden Menschen Bakterien-DNA fanden, in Krebszellen aber einen sehr viel größeren Anteil.

Hoppla! Auch Bakterien können uns also ihre DNA einbauen, man nennt dies »lateralen Gentransfer« (LTG). Bisher war nur bekannt, dass sie das untereinander tun (vergleichbar dem Sex und seinen Folgen). Kann LTG vielleicht die Entstehung von Krebs auslösen? Oder sind Krebszellen einfach anfälliger für Gen-Attacken von Bakterien? Als man die DNA von Krebspatienten untersuchte, fand man bei ihnen vieltausendfach mehr Fälle von LTG als bei Normalpatienten. Die DNA von Patienten mit dem seltenen Blutkrebs Akute Myeloische Leukämie (AML) war besonders hoch mit Bakterien-DNA belastet. Sie enthielt insbesondere Bakterien-DNA der Art Acinetobacter.

Magenkrebszellen z. B. hatten dagegen besonders viel DNA von Pseudomonas-Bakterien integriert. Für eine Art Lackmustest schleust man nun Bakterien-DNA in menschliche DNA-Proben. Entarten diese dann krebsartig? Wenn ja, könnten vielleicht künftig mit Antibiotika die bakteriellen Krebsauslöser bekämpft werden.

Auch Magengeschwüre (Helicobacter pylori) haben ihre Ursachen in Bakterien und bei Arteriosklerose wird ein Zusammenhang vermutet. Der Steckbrief wird immer länger.

 


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