Kau dich schlank?


»Kaugummi mit Carnitin, kau dich schlank!« – lockte unlängst eine Werbung in der Apotheke. Fein, dachte ich, so einfach ist das also. Doch was ist eigentlich Carnitin? »Carne« heißt auf Latein Fleisch. Carnitin ist ein kleines organisches Molekül, das in unseren Zellen Fettsäuren bindet und sie in die »Zell-Kraftwerke«, die Mitochondrien, transportiert. Nur dort befinden sich die Enzyme, die Fettsäuren abbauen und dadurch Energie gewinnen können. Der Transport von Fettsäuren in die Mitochondrien ist streng reguliert. Carnitin sitzt dabei an entscheidender Stelle. Es wirkt wie ein Ventil, das durch Öffnen und Schließen die Fettsäurenutzung begrenzen kann.

Also stimmt die Werbung? Leider erzählt sie nur die halbe Wahrheit. Die ganze ist, dass nur der geringste Teil unserer Fettsäuren darauf »wartet«, in ein Mitochondrium transportiert zu werden. Das ist nur in Organen wie Muskeln oder Leber der Fall. Im Fettgewebe jedoch, dort, wo der weitaus größte Teil lagert, gibt es gar keine Mitochondrien. So müssen beim erhofften Abbau unserer Fettpolster die Fettsäuren erst mobilisiert und dann im Blut zu anderen Organen transportiert werden – und das geschieht ganz ohne Carnitin! Es bedarf der Kalorienreduzierung (»Friss die Hälfte«) und/oder intensiver körperlicher Aktivität – Kaugummi kauen dürfte gewiss nicht reichen.

Zurück zum Carnitin. Es ist in Muskeln oder Innereien ein wichtiger Stoff. Das gilt natürlich auch für Tiere und so enthält auch unsere fleischliche Nahrung Carnitin. Das nutzt uns jedoch wenig, denn Gesunde können es in ausreichender Menge selbst produzieren. Und lange glaubte man, es schade uns auch nicht, denn überschüssiges Carnitin wird wieder ausgeschieden. Einige Bodybuilder schwören darauf, riesige Mengen Carnitin zu sich zu nehmen. Doch neue Untersuchungen zeigen etwas anderes. Carnitin wird im Darm von dort lebenden Bakterien umgewandelt. In der Leber wird schließlich Trimethylamin-N-oxid gebildet. Das ist eine sehr reaktive Verbindung, die Gefäße schädigen und Arteriosklerose begünstigen kann.

Ha, denkt man sofort, jetzt ist es sicher: Fleisch ist gesundheitsschädlich, und wir wissen nun auch warum! Doch langsam. Werfen wir erst einen genaueren Blick auf das verdächtigte Fleisch – das »rote« soll es sein, genauer, das verarbeitete »rote« Fleisch, also Schinken oder Wurst, weniger Suppenfleisch oder Steak. Und schon schwindet die Gewissheit, denn verarbeitetes Fleisch enthält weniger Carnitin als frisches. Auch korreliert der Carnitingehalt nicht immer mit »rotem« oder »weißem« Fleisch.Vor allem: Carnitin ist durchaus nicht die einzige Quelle für die Bildung von Trimethylamin-N-oxid. Beim Verzehr von »gesundem« Fisch oder Pilzen, die wenig Carnitin enthalten, entsteht es auch in großer Menge. Die Suche nach dem potenziell gefährdenden Stoff im »roten« Fleisch scheint also noch nicht beendet. Carnitin-Kaugummi, gekaut in Hoffnung auf Schlankheit? Man muss schon fest daran glauben …


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