Gutes Riesenvirus



Viren – der blanke Horror? Nein! Gerade hat der Biolumnist einen tollen Virus-Vortrag erlebt. Das marine Virus trägt den harmlosen Namen CroV:  Cafeteria roenbergensis Virus. (Klingt ein wenig, als hätte ich ihn entdeckt, aber das wäre  dann der Cafeteria rennebergensis Virus.) Sein Genom ist sehr viel größer als das vieler zellulärer Organismen. “Viren werden allgemein als kleine, ziemlich gemeine und einfache Wesen betrachtet, mit nur wenigen Genen,“ sagt  Prof. Curtis Suttle am Dienstag, den 28. April 2015, in meiner Uni. „Dabei regeln sie sogar das Weltklima!“

Der Titel seines Vortrags: „Sind Viren die wahren Beschützer unseres Planeten?“ Das Audimax meiner Hongkonger Uni platzt aus allen Nähten, wie eine Zelle voller Viren. Viren sind  pure DNA- (oder RNA-) Information mit einer Eiweiß-Hülle herum und „tot“. Scheintot, bevor sie nämlich eine lebende Zelle attackieren. Dann „hijacken“ sie deren Kommandozentrale und die Zelle produziert bis zum Bersten komplette Viren. Es ist fast so wie bei technischen Computer-Viren. Antibiotika sind deshalb machtlos gegen Viren, weil Viren keinen Stoffwechsel wie Bakterien haben.

Suttle jagt Viren auf den Weltmeeren schon seit 25 Jahren. Cafeteria ist nun ein Geißeltierchen, ein Flagellat. Das sind einzellige Lebewesen. Sie besitzen typische Geißeln, mit denen sie sich fortbewegen können. Sie gehören zum Zooplankton und ernähren sich von Phytoplankton, also vegetarisch. Das Phytoplankton produziert mit Sonnenlicht in der Fotosynthese Sauerstoff. Cafeteria veratmet Nährstoffe und Sauerstoff zu Kohlendioxid. „Die genetische Maschinerie des Einzellers Cafeteria würde man nur in höheren zellulären Organismen vermuten. „Cafeteria hat fast alles, fast wie eine menschliche Cafeteria: Zucker, Eiweiße, DNA, mRNA“, scherzt vom Podium der sehr engagierte Biologe von der Universität British Columbia in Vancouver. Curtis fand, dass CroV Geißeltierchen befällt. Das Virus-Genom umfasst etwa 730 000 Basenpaare. CroV ist das größte bekannte Virus im Meer. Es wird noch verrückter. Das Cro-Virus wird  nun seinerseits von einem kleineren Ma-Virus mit 19 063 DNA-Basen befallen.

Der evolutionäre “Sinn“? CroV infiziert Cafeteria, lässt es platzen und setzt so dessen Nährstoffe frei. Dann überlebt mehr Phytoplankton und hat auch Nährstoffe zum Leben. Es bildet aus Kohlendioxid und Wasser Sauerstoff. Wenn das Gemetzel aber überhand nimmt, wird CroV durch das parasitierende Ma-Virus gebremst. Das Ma-Virus steuert also letztlich den Sauerstoff- oder den Kohlendioxid-Ausstoß der Weltmeere und damit auch unser Klima. Unglaublich! Die Weltozeane enthalten 10 hoch 30 Viren. Das sind 10 Millionen mal mehr Viren als Sterne im Universum! Wir großen Menschen sind erst ganz am Anfang, das Virom zu verstehen.


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