Lesen im Kaffeesatz


Im Sommer flüchtet sich der Biolumnist vor 40 Grad und fast 100% Luftfeuchte in Hongkong nach Germanien mit seinen kühlen und trockenen Biergärten. Als kaffeesüchtiger Gartenfreund hat er sich auch in Fernost mit vielen Pflanzen umgeben. Seine Studenten pflegen sie im Moment. Die Pflanzen bekommen täglich Kaffeesatz ins Gießwasser. Auch in Deutschland experimentiert RR mit dem anfallenden Kaffeesatz seiner Espresso-Maschine ganz nach dem Motto: Science is fun!

Viele Nährstoffe werden beim Aufbrühen des Kaffees nicht vollständig herausgelöst: Kalium, Phosphor und Stickstoff. Ein Mangel an Kalium macht sich durch eine meist gelbliche Verfärbung der Blätter bemerkbar. Kaffeesatz als Dünger hilft hier. Manche Pflanzen lieben Saures. Der leicht saure pH-Wert von 4,9 bis 5,2 von Kaffee wird auch von uns als angenehm empfunden. Cola mit pH 3 ist übrigens 10 000 mal saurer als Wasser. Schönen Gruß an die Zähne! Um den Kaffeesatz als Dünger verwenden zu können, sollten man ihn trocknen. Feuchter Kaffeesatz beginnt nämlich rasch zu schimmeln. Rhododrendren, Hortensien, Rosen und Engelstrompeten schätzen laut Internet den reichhaltigen Kaffeesatz. Bei anderen Pflanzen muss man es ausprobieren. Auch bei ausgelaugter Erde von Topfpflanzen hilft der Kaffeesatz. Unser Kaffee-Bäumchen zum Beispiel frohlockt beim täglichen Kaffeesatz-Beguss.

Coffein entstand natürlich nicht für uns Menschen evolutionär, sondern um fressende Insekten fernzuhalten. Pflanzen, die mit Kaffeesatz gedüngt werden, werden weniger häufig von Insekten befallen. Auch andere Plagegeister sind betroffen: Man streue einen Ring von Kaffeesatz um zu schützende Pflanzen, um gierige Schnecken davon fernzuzuhalten. Regenwürmer lieben dagegen Kaffeesatz und lockern die Erde auf. Ihr Kot hinterlässt wiederum wertvolle Nährstoffe.

Was nun genau ist drin im Kaffeesatz? Carmen Monente und ihr Team von der Universität Navarra im spanischen Pamplona hat gerade den Kaffeesatz im Journal of Agricultural Food Chemistry (DOI: 10.1021/acs.jafc.5b01619) genauer analysiert. Mehrere tausend Substanzen sind drin! Es sind hauptsächlich antioxidative Phenolsäuren. Das Team schlägt vor, diese Komponenten zu isolieren und für medizinische Zwecke zu verwenden. Riesige Mengen an Kaffeesatz stünden weltweit bereit.

Fazit meines Studiums: Nach 35 Seiten Lektüre chemischer Formeln bin ich leider trotz zweier Tassen Espresso fest eingeschlafen, voller Hochachtung für die Evolution des Kaffees und seiner Chemie.

 


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