von Iris Rapoport

Luther und die Verdauung

“Warum rülpset und furzet ihr nicht? Hat es euch nicht geschmacket?” Ganz gleich, ob dem großen Reformator zu Recht oder Unrecht zugeschrieben, sagt dieser Spruch sowohl etwas über die Sitten in Zeiten, als Kartoffeln noch unbekannt waren, als auch über die damalige Kost.

Kohl, Hülsenfrüchte und Zwiebeln waren es, die oft auf dem Speiseplan standen. Und diese ganz normalen Nahrungsmittel enthalten Kohlenhydrate, die nicht nur exotische Namen, wie Rhamnose oder Stachyose tragen, sondern auch für uns schlecht verdaulich sind. Verdauen, das bedeutet, die Nahrungsbestandteile in so kleine Bruchstücke zu spalten, dass sie im Darm, genauer, im Dünndarm, resorbiert werden können und im Körper keine allergischen Reaktionen mehr verursachen. Mechanisches Zerkleinern durch Kauen, reicht dazu nicht aus. Die Aufspaltung muss chemisch erfolgen. Und zwar immer durch den gleichen Prozess, die Hydrolyse. Das bedeutet Spaltung durch Reaktion mit Wasser.

Dabei denkt man zunächst natürlich vor allem an Fette, Eiweiße und Kohlenhydrate. Aber auch Nucleinsäuren und etliche Vitamine werden verdaut. Doch da die Nahrungsbestandteile im Verdauungstrakt sich bestenfalls lösen und kaum von allein mit Wasser reagieren, muss diese Hydrolyse katalytisch beschleunigt werden. Genau das erledigen die Verdauungsenzyme, die sich in Mund, Magen und vor allem im Dünndarm befinden. Dazu binden die Enzyme jeweils einen Nahrungsbestandteil und ein Molekül Wasser.

Das geschieht exakt so, dass das Wasser leicht angreifen kann. Da Fette, Eiweiße und Kohlenhydrate aus sehr unterschiedlichen Bausteinen bestehen, ist eine breite Palette von Verdauungsenzymen vonnöten. Wobei uns die Evolution großzügig bedacht hat, denn innerhalb einer Nährstoffart sind die Enzyme recht unspezifisch und akzeptieren die verschiedensten tierischen und pflanzlichen Stoffe.

Jedoch eben nicht alle. Hervorzuheben sind die unverdaulichen Kohlenhydrate, die, in ihrer Bedeutung zunächst völlig verkannt, als Ballaststoffe bezeichnet wurden. Meist pflanzlichen Ursprungs, bestehen sie oft aus vielen Bausteinen und sind chemisch sehr unterschiedlich. Man unterteilt sie in unlösliche und lösliche Ballaststoffe. Unlösliche, wie Zellulose, scheiden wir chemisch unverändert aus.

Doch viele lösliche Ballaststoffe, wie die Pektine von Bohnen und Äpfeln, die auch die eingangs genannten seltenen Zucker enthalten, werden in tieferen Darmabschnitten von den dort lebenden Bakterien verstoffwechselt. Das tun die Bakterien zu ihrem, als auch unserem Nutzen. Denn dabei entstehen kurzkettige Fettsäuren, die zwar nicht mehr in unseren Körper gelangen können, aber den Schleimhautzellen des Dickdarms als wichtige Nährstoffe dienen. Doch nebenbei  bilden sich auch erhebliche Mengen verschiedener Gase. Zu Luthers ballaststoffreichen Zeiten waren die unvermeidbaren Folgen davon sicher allgegenwärtig. So galt damals eben als Tugend, was heute so manchen in arge Nöte bringt.

 

 

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